Der Hitzesommer 2026: Grächen, das Wallis und ein Klimawandel, der uns alle betrifft.

Vor rund fünfzig Jahren trug die Natureisbahn in Grächen von Anfang Dezember bis Mitte März. Heute ist sie häufig nur noch eine paar wenige Wochen nutzbar. Die Zahl der Tage, an denen das Thermometer ganztags unter null bleibt, ist spürbar zurückgegangen. Und die Schneeschmelze im Dorf beginnt mittlerweile teilweise schon Mitte Februar. Der westliche Steilhang auf die Plattja ist je länger je mehr bewaldet.
Das sind persönliche Beobachtungen, keine Messreihen. Aber sie beschreiben dieselbe Entwicklung, die MeteoSchweiz, die ETH Zürich und die Wetterdienste der Nachbarländer mit Messdaten belegen — nur eben so, dass man sie vor der eigenen Haustür nachvollziehen kann.
Der Sommer 2026 hat diese Entwicklung für alle sichtbar gemacht. Er war in der Schweiz der heisseste seit Messbeginn 1864. Er war jedoch kein Ausreisser, sondern ein Punkt auf einer Kurve, die seit fünfzig Jahren korrekt vorhergesagt wird.
Ein heisser Sommer allein ist Wetter. Die Häufung und Verstärkung solcher Sommer ist Klima. Das wird leider oft verwechselt.
Worum es in diesem Beitrag geht
Die Diskussion über den Klimawandel verläuft oft so, als sei noch offen, ob es ihn gibt. Das ist er schon lange nicht mehr. Die zugrunde liegende Physik ist seit dem 19. Jahrhundert bekannt, die quantitative Prognose seit den 1970er-Jahren belastbar — und die Ölindustrie hat sie selbst berechnet, bevor sie sie öffentlich bestritt.
1 – Was 2026 geschah
Ein historisch heisser Juni
Die mittlere Junitemperatur der Schweiz lag 2026 um 3,5 °C über der Referenzperiode 1991–2020. MeteoSchweiz ordnet den Monat als drittwärmsten Juni seit Messbeginn 1864 ein. In Basel wurden während der Hitzewelle 39,0 °C gemessen — ein neuer Allzeitrekord für die Deutschschweiz.
Für den Zeitraum vom 19. bis 28. Juni erreichten die gemittelten Tageshöchsttemperaturen unter anderem in Basel, Neuenburg, Zürich und Davos neue Rekorde für eine zehntägige Hitzeperiode. Dass auch Davos auf 1594 Metern betroffen war, ist der entscheidende Punkt für die Alpen: Extreme Wärme bleibt nicht mehr in den Talböden.
Gleichzeitig verschärfte sich die Trockenheit. Die Niederschläge lagen im Juni vielerorts deutlich unter dem langjährigen Mittel, örtlich fielen weniger als 40% der üblichen Junimenge. Im Juli setzte sich das fort. MeteoSchweiz dokumentierte braune Wiesen, Trockenstress bei Bäumen und eine rekordfrühe Fruchtreife von verschiedenen Früchten.
| Juni 2026 | +3,5 °C gegenüber 1991–2020, drittwärmster Juni seit 1864 |
| Basel | 39,0 °C — neuer Allzeitrekord der Deutschschweiz |
| 19.–28. Juni | mehrere neue Rekorde für eine zehntägige Hitzeperiode |
| Juli | erneute Hitzewelle und anhaltender Trockenstress |
| Sommer gesamt | heissester Schweizer Sommer seit Messbeginn 1864 |
Das Wallis: Hitze steigt in die Höhe
Im Juli folgte eine zweite markante Hitzewelle. Die tiefen Lagen des Wallis lagen zeitweise im Bereich der offiziellen Hitzewarnungen. Das Rhonetal gehört ohnehin zu den wärmsten und trockensten Regionen der Schweiz — hier wirkt jede zusätzliche Erwärmung besonders unmittelbar.
Entscheidend ist aber die Höhenentwicklung. Mit zunehmender Erwärmung treten Hitzetage und ungewöhnlich warme Nächte auch in Lagen auf, die bisher als verlässlich kühl galten. Für Bergdörfer verändert das mehr als nur den Sommerkomfort: Es betrifft Wasserverfügbarkeit, Wald, Permafrost und die Schneesaison gleichermassen.
Europa im selben Sommer
Die Schweiz stand nicht allein. In Deutschland lag das Sommermittel bei 19,6 °C — der zweitwärmste Sommer seit Messbeginn, nur 2003 war mit 19,7 °C minimal wärmer. Gegenüber der Referenzperiode 1961–1990 bedeutet das +3,3 °C. Der Deutsche Wetterdienst hält ausdrücklich fest: Beispiellos war 2026 nicht die Spitze, sondern die Häufigkeit der Hitze. Der neue deutsche Hitzerekord von 41,8 °C fiel am 27. Juni in Möckern-Drewitz (Sachsen-Anhalt) — auffällig früh im Jahr, nicht im Hochsommer.
Österreich verzeichnete am 5. August mit 41,2 °C in Bad Deutsch-Altenburg einen Allzeitrekord. Vor 2026 war die 40-Grad-Marke dort überhaupt nur ein einziges Mal überschritten worden; 2026 geschah es an sechs Tagen.
Das europäische Maximum erreichte 46,5 °C in Noto auf Sizilien.
Was der Sommer gekostet hat
Die Bilanz ist erheblich. Die geschätzten hitzebedingten Todesfälle in Europa lagen bei rund 36 000 (Stand August, Daten aus etwa der Hälfte der Länder). Für Deutschland schätzt das Robert-Koch-Institut bis Mitte August 14 000 bis 15 800 Fälle, für die Schweiz rund 220. Der vorläufig bezifferte Sachschaden liegt in der Grössenordnung von 180 Milliarden Euro.
Dabei ist Genauigkeit wichtig: Es handelt sich um statistische Schätzungen der Übersterblichkeit, nicht um gezählte Todesfälle. Die meisten Menschen starben nicht an einem Hitzschlag, sondern an Organbelastung bei bestehenden Vorerkrankungen. Genau deshalb ist Hitzeschutz in erster Linie Gesundheitsschutz für gefährdete Gruppen enorm wichtig.
Die Gletscher
Nirgends ist die Bilanz so unmittelbar ablesbar wie am Eis. Der Gletscherschwundtag fiel 2026 auf den 29. Juni: Ab diesem Datum war die Winterschneedecke aufgebraucht, sodass jeder weitere heisse Tag direkt an die Substanz der Gletscher ging.
Die Zahlen aus dem Wallis sind drastisch. Der Griesgletscher verlor in weniger als einem Jahr sechs Meter Eisdicke. Am Rhonegletscher schmolzen an der Zunge seit Mitte Juni rund zehn Zentimeter pro Tag, über den Sommer etwa vier Meter. Und der Bella-Tola-Gletscher existiert überhaupt nicht mehr.
In den vergangenen sieben Jahren sind 160 Schweizer Gletscher verschwunden. GLAMOS projiziert, dass bis 2050 rund 600 von 1300 Gletschern verschwinden und bis 2100 etwa 80%.
Die Gletscher waren jahrhundertelang der Sommerspeicher der Schweiz: Sie geben genau dann Wasser ab, wenn es am trockensten ist. Dieser Speicher fällt weg — und das ist eine infrastrukturelle , keine ästhetische oder optische Frage.
2 – Warum das keine Überraschung ist
Ein einzelner Sommer beweist keinen Klimawandel. Das muss er auch nicht. Die Beweislage ruht auf langen Messreihen, auf physikalischen Gesetzen und auf Vorhersagen, die sich überprüfen lassen — und überprüft wurden.
Der globale Befund
| Indikator | Wert | Referenz |
|---|---|---|
| Menschgemachte Erwärmung | 1,37 °C (2025) | vorindustriell 1850–1900 |
| Aktuelle Erwärmungsrate | 0,27 °C pro Jahrzehnt | Mittel 2016–2025 |
| CO₂-Konzentration | rund 427 ppm (2025), Maiwert 2026: 432 ppm | vorindustriell 280 ppm |
| Energiebedingte CO₂-Emissionen | 38,4 Gt, +0,4% (2025) | IEA, neuer Höchststand |
| Erd-Energieungleichgewicht | Rekordhoch, in Jahrzehnten verdoppelt | IGCC 2026 |
Die CO₂-Konzentration liegt heute über 50% über dem vorindustriellen Niveau, und der Anstieg erfolgt rund hundertmal schneller als beim natürlichen Übergang aus der letzten Eiszeit. Dabei beschleunigt er sich weiter: In den 1960er-Jahren betrug er etwa 0,88 ppm pro Jahr, in den 2010er-Jahren rund 2,41 ppm, in den 2020er-Jahren bisher etwa 2,63 ppm.
Kein einziges Jahr seit Messbeginn 1959 war rückläufig — auch nicht 2020, im Jahr der weltweiten Pandemie-Stillstände. Bei fortgesetzten Emissionen wird die 1,5-Grad-Marke laut IGCC um 2030 erreicht.
150 Jahre Physik
Die Erwärmung durch CO₂ ist keine Vermutung, sondern seit über 150 Jahren Laborwissen. Eine kurze Chronologie macht das anschaulicher als jede Erklärung:
| 1856 | Eunice Foote zeigt experimentell, dass CO₂-haltige Luft sich in der Sonne stärker erwärmt. |
| 1859 | John Tyndall vermisst die Infrarot-Absorption von CO₂ und Wasserdampf im Labor. |
| 1896 | Svante Arrhenius berechnet als Erster die Erwärmung bei einer CO₂-Verdopplung — und liegt in der richtigen Grössenordnung. |
| 1979 | Der Charney-Report der US-National Academy of Sciences beziffert die Klimasensitivität auf 1,5–4,5 °C pro CO₂-Verdopplung. |
| 1988 | James Hansen sagt vor dem US-Senat aus; das IPCC wird gegründet. |
Der Charney-Report aus dem Jahr 1979 verdient besondere Aufmerksamkeit. Sein Wertebereich von 1,5 bis 4,5 Grad hat 45 Jahre Forschung fast unverändert überstanden; die heutige beste Schätzung liegt bei rund 3 Grad. Das war eine echte Vorhersage über fast fünfzig Jahre — und sie ist eingetroffen.
Ein wissenschaftliches Modell, das eine Entwicklung über fünf Jahrzehnte richtig vorhersagt, ist kein Modell mehr. Es ist bestätigte Physik. Wer den Klimawandel heute als offene Frage darstellt, ignoriert damit nicht eine Meinung, sondern gesichertes Wissen.

CO₂ in der Atmosphäre seit der letzten Eiszeit. Während der gesamten menschlichen Zivilisationsgeschichte lag die Konzentration zwischen rund 260 und 285 ppm — der senkrechte Anstieg rechts umfasst knapp zweihundert Jahre. Daten: antarktischer Eiskern-Verbundrecord (Bereiter et al. 2015), aktueller Wert Mauna Loa (NOAA).
Was die Ölkonzerne wussten
Dass die Ölindustrie früh Bescheid wusste, ist keine Vermutung mehr, sondern dokumentiert und bestätigt. Die erste quantitative Auswertung der Klimaprognosen eines Ölkonzerns stammt von Supran, Rahmstorf und Oreskes (Science, Januar 2023). Untersucht wurden 32 interne Exxon-Dokumente aus den Jahren 1977 bis 2002 sowie 72 begutachtete Publikationen von Exxon-Wissenschaftlern.
Die Befunde sind eindeutig. Von 16 Temperaturprojektionen zwischen 1977 und 2003 sagten je nach Messmethode 63 bis 83% die tatsächliche Erwärmung zutreffend voraus. Damit waren sie mindestens so gut wie die Modelle unabhängiger akademischer und staatlicher Forschung derselben Zeit; eine Projektion von 1985 erreichte sogar einen Treffer von 99%.
Darüber hinaus verwarf Exxon intern korrekt die damals populäre Eiszeit-Hypothese, sagte zutreffend voraus, wann die menschgemachte Erwärmung erstmals statistisch nachweisbar sein würde, und schätzte das verbleibende CO₂-Budget für 2 Grad richtig ab.
Parallel dazu zeigten Supran und Oreskes (2017 und 2020): Exxon-Anzeigen in der New York Times stellten den Klimawandel zwischen 1989 und 2004 überwiegend als fraglich, unsicher oder unlösbar dar — während die eigenen internen Papiere das Gegenteil festhielten.
Die Ölkonzerne wussten es also nicht nur — sie haben die Wissenschaft mitentwickelt. Und anschliessend öffentlich Zweifel an genau dem finanziert, was ihre eigenen Modelle zeigten.

Die globale Mitteltemperatur seit 1850, dargestellt mit zwei unabhängigen Datensätzen. Die dicke Linie zeigt das Zehn-Jahres-Mittel. Daten: NOAA GlobalTemp und NASA GISTEMP, umbasiert auf 1850–1900.
Ein Hinweis zu den Zahlen, falls jemand nachrechnet: Die Grafik zeigt +1,41 °C beobachtete Erwärmung für 2025. Die weiter oben genannten 1,37 °C bezeichnen den menschgemachten Anteil nach IGCC, also die um natürliche Schwankungen bereinigte Erwärmung. Beide Werte sind richtig; sie messen leicht Unterschiedliches.
3 – Was auf die Schweiz und das Wallis zukommt
Die neuen Schweizer Klimaszenarien Klima CH2025 (NCCS, MeteoSchweiz und ETH Zürich) gehen einen anderen Weg als frühere Generationen. Sie arbeiten nicht mehr primär mit einem einzelnen extremen Zukunftsbild, sondern zeigen, was verschiedene globale Erwärmungsniveaus konkret für die Schweiz bedeuten.
Was eine 3-Grad-Welt für die Schweiz bedeutet
Bei einer globalen Erwärmung von 3 °C gegenüber vorindustrieller Zeit rechnet Klima CH2025 für die Schweiz mit rund 4,9 °C Erwärmung — also fast dem Doppelten des globalen Werts. Der heisseste Tag des Jahres wäre im Schweizer Mittel etwa 4,4 °C heisser als in der Referenzperiode 1991–2020.
Weitere Kennzahlen aus demselben Szenario machen die Grössenordnung greifbar: Extrem heisse Tage, die zwischen 1991 und 2020 nur alle 50 Jahre auftraten, würden rund 16,7-mal häufiger. Die Nullgradgrenze stiege um etwa 550 Meter, und die Schneemenge ginge um rund 25% zurück.
Warum die Alpen stärker betroffen sind
Dass sich die Schweiz etwa doppelt so stark erwärmt wie der globale Durchschnitt, hat drei Gründe, die sich überlagern. Der erste ist die Binnenlage: Landmassen erwärmen sich schneller als Ozeane, und in den globalen Mittelwert geht sehr viel Meer ein. Der zweite ist, dass sich Westeuropa insgesamt überdurchschnittlich erwärmt, also stärker als der globale Mittelwert.
Der dritte Grund ist die Eis-Albedo-Rückkopplung: Schmelzende Schnee- und Eisflächen reflektieren weniger Sonnenlicht, der dunklere Untergrund absorbiert mehr Energie — und verstärkt damit die Erwärmung zusätzlich. Gerade dieser Effekt wirkt im Gebirge besonders stark.
Für die Schweiz bedeutet das eine überdurchschnittlich hohe Verwundbarkeit: Gletscherschwund, auftauender Permafrost und häufigere Naturgefahren schreiten rascher voran als in den meisten anderen Ländern.
Vier Veränderungen prägen die Zukunft
| Hitze | häufiger, länger und intensiver |
| Sommertrockenheit | mehr Verdunstung und trockenere Böden |
| Starkniederschlag | heftigere Einzelereignisse bleiben trotz trockenerer Sommer möglich |
| Schnee | weniger Schnee und eine kürzere Schneesaison |
Der dritte Punkt wirkt auf den ersten Blick widersprüchlich, ist es aber nicht: Wärmere Luft kann mehr Feuchtigkeit aufnehmen und gibt sie dann konzentrierter ab. Trockenere Sommer insgesamt und heftigere einzelne Gewitter sind zwei Seiten derselben Physik — und für ein Bergtal bedeutet das gleichzeitig Wassermangel und erhöhte Murgang-Gefahr.
Für das Wallis heisst das konkret
Für das Wallis bedeutet das zunächst mehr und intensivere Hitzewellen — besonders im Rhonetal, zunehmend aber auch in Berglagen. Höhere Temperaturen und stärkere Verdunstung trocknen die Sommer zusätzlich aus. Es fällt weniger Schnee, die Schneesaison wird kürzer, und das trifft den Wintertourismus unmittelbar. Die Gletscherschmelze geht weiter und verschiebt dabei das saisonale Wasserangebot: Wasser steht dann nicht mehr zur Verfügung, wenn es am dringendsten gebraucht wird.
Gleichzeitig werden Starkniederschläge häufiger und heftiger, obwohl die Sommer insgesamt trockener ausfallen. Für Wälder, Landwirtschaft, Infrastruktur und Gesundheit steigt die Belastung damit auf mehreren Wegen zugleich.
Der Sommer 2026 war kein Blick in eine ferne Zukunft. Extreme Hitze findet bereits im heutigen Klima statt. Mit jeder zusätzlichen Erwärmung steigt jedoch die Wahrscheinlichkeit, dass aus aussergewöhnlichen Sommern zunehmend Standard werden.
4 – Wo wir heute stehen
Bevor es um Massnahmen geht, lohnt ein nüchterner Blick auf die Ausgangslage. Sie ist weder so hoffnungslos noch so beruhigend, wie verschiedene Lager gern behaupten.
Was funktioniert
Der Ausbau der erneuerbaren Energien hat 2025 neue Rekorde erreicht. Weltweit wurden 800 GW erneuerbare Kapazität zugebaut, davon 75% Solar. Die kumulierte Solarleistung liegt bei rund 2800 GW und ist damit die grösste installierte Erzeugungstechnologie der Welt. Erstmals überhaupt deckte eine moderne erneuerbare Quelle — Solar — mit über 25% den grössten Anteil am globalen Wachstum der Energienachfrage.
Batteriespeicher wuchsen um 40% auf fast 110 GW Zubau, mehr als je ein Gaskraftwerks-Jahrgang zuvor. Auch bei den Emissionen gibt es Bewegung: Chinas Emissionen sanken 2025 um etwa 0,5%, Indiens blieben erstmals seit den 1970er-Jahren unter normalen wirtschaftlichen Bedingungen flach. Für 2026 erwartet die IEA, dass Erneuerbare 36% der globalen Stromversorgung stellen — gegenüber 32% Kohle, dem niedrigsten Kohleanteil seit einem Jahrhundert.
Was nicht funktioniert
Trotz aller Ausbaurekorde sind die Emissionen weiter gestiegen, auf einen neuen Höchststand. Das Wachstum verlangsamt sich zwar — aber eine Verlangsamung ist noch kein Rückgang. Der Ausbau deckt bisher überwiegend zusätzlichen Bedarf, statt bestehende fossile Anlagen zu ersetzen.
Entscheidend ist dabei ein Punkt, der in Debatten regelmässig untergeht: Die Konzentration in der Atmosphäre reagiert nicht auf Trends, sondern auf Summen. Solange die Nettoemissionen über null liegen, steigt sie weiter — unabhängig davon, wie erfreulich die Zuwachsraten bei den Erneuerbaren aussehen.
Wir haben die Wende in der Technologie geschafft, in der Bilanz aber noch nicht.
China
Im November 2025 legte China erstmals absolute Reduktionsziele über alle Treibhausgase und Sektoren vor: minus 7 bis 10% Netto-Treibhausgase bis 2035 gegenüber dem Emissionshöhepunkt, über 30% nichtfossiler Anteil an der Primärenergie und 3600 GW Wind- und Solarkapazität bis 2035.
Die Umsetzung läuft dabei schneller als die Zielsetzung. Das 1200-GW-Ziel für 2030 war bereits Mitte 2025 mit 1673 GW übertroffen — sechs Jahre früher als geplant. 2025 baute China knapp 500 GW zu, über 60% des weltweiten Zuwachses.
Der Climate Action Tracker stuft das Ziel dennoch als «highly insufficient» ein, und das zu Recht: Die Ausgangsbasis — der Höhepunkt — ist nicht definiert, was Spielraum nach oben lässt. Unter der ohnehin geltenden Politik erwartet er zwischen 2025 und 2035 einen Rückgang von 4 bis 24%. Das Ziel ist also eher eine Untergrenze als ein Ehrgeiz. Kohle lieferte 2024 noch 58% des chinesischen Stroms.
Bemerkenswert ist der Antrieb: China baut nicht aus Klimaschutz aus, sondern aus Industriepolitik und Energiesicherheit. Das macht die Entwicklung robuster gegenüber Regierungswechseln — nicht fragiler.
USA
Der Austritt aus dem Pariser Abkommen wurde im Januar 2026 formell wirksam. Anfang 2026 zogen sich die USA zusätzlich aus der UN-Klimarahmenkonvention (UNFCCC) zurück — als einziges Land der Welt.
Das Endangerment Finding war eine der tragenden rechtlichen Säulen der US-Klimapolitik. 2009 hatte die Umweltbehörde EPA offiziell festgestellt, dass sechs zentrale Treibhausgase:
| Kohlendioxid (CO₂) |
| Methan (CH₄) |
| Lachgas (N₂O) / Distickstoffmonoxid |
| Teilfluorierte Kohlenwasserstoffe (HFCs) |
| Perfluorierte Kohlenwasserstoffe (PFCs) |
| Schwefelhexafluorid (SF₆) |
die öffentliche Gesundheit und das Wohlergehen heutiger und künftiger Generationen gefährden. Am 12. Februar 2026 hob die EPA unter Administrator Lee Zeldin diese Feststellung auf. Die Regierung bezeichnet das als grösste Deregulierung der US-Geschichte und beziffert die Einsparung auf 1,3 Billionen Dollar. Klagen von NGOs, Gesundheitsverbänden und Bundesstaaten laufen.
Wirtschaftlich wirksamer, aber weniger beachtet, ist die Streichung der IRA-Steuergutschriften: Neue Wind- und Solarprojekte müssen vor Juli 2026 mit dem Bau beginnen und bis Ende 2027 am Netz sein, um sie noch zu erhalten. Die Gutschrift für Elektroautos lief im Juni 2026 aus statt wie vorgesehen 2032.
Der Effekt ist messbar — aber nicht der, den die meisten erfürchten. Die Rhodium Group rechnet unter allen Bundes- und Staatsregelungen mit Stand Juni 2026 weiterhin mit minus 27 bis 41% gegenüber 2005 bis zum Jahr 2040. Die US-Emissionen sinken also weiter, nur langsamer. Der Climate Action Tracker beziffert die Differenz zum vorherigen Pfad auf 14 bis 15% höhere Emissionen im Jahr 2030. Im Jahr 2025 stiegen sie sogar, getrieben von mehr Kohleverstromung.
Warum sie trotzdem fallen: Bundesstaaten regulieren weiter, Gas und Erneuerbare sind gegenüber Kohle schlicht billiger, und ein Teil der Fachleute hält die Aufhebung für eher symbolisch, weil die EPA-Regulierung historisch nicht der Haupttreiber der US-Reduktionen war.
Die Rücknahme ist ein juristischer Akt, kein physikalischer. Man kann eine Verordnung aufheben. Man kann die Strahlungsbilanz der Atmosphäre nicht aufheben.
Was daraus folgt
Die extremste Erwärmung, die man noch vor wenigen Jahren für möglich hielt, wurde nicht durch Klimapolitik abgewendet, sondern durch fallende Solarpreise. Vor zehn Jahren sahen die Projektionen rund 3,6 Grad bis 2100; heute liegt die Schätzung für die tatsächlich beschlossene Politik bei etwa 2,6 Grad.
Das ist gleichzeitig die gute und die unbequeme Nachricht. Gut, weil die Technologie schneller war als die Politik. Unbequem, weil sich der Rest daraus nicht von allein ergibt: Zwischen 2,6 Grad und 1,7 Grad stehen keine Naturgesetze, sondern Entscheidungen.
Und eine Ehrlichkeit gehört dazu: Was die USA und China künftig tun werden, weiss niemand. Belastbar ist, was beschlossen ist und was unabhängige Institute daraus hochrechnen. Alles darüber hinaus wäre eine politische Prognose — und solche Prognosen lagen in den letzten zehn Jahren in beide Richtungen daneben.
5 – Die häufigsten Einwände
Wer über das Klima spricht, begegnet immer wieder denselben Argumenten. Die meisten lassen sich sachlich beantworten — und einige davon haben einen wahren Kern, den man anerkennen sollte.
«Das Klima hat sich immer verändert.»
Ja — und genau deshalb wissen wir, wie es sich verhält. Aus Eisbohrkernen kennen wir Ursache und Tempo früherer Wechsel. Die heutige Rate ist rund hundertmal schneller als am Ende der letzten Eiszeit, und die bekannten natürlichen Antriebe — Sonne, Vulkanismus, Erdbahnparameter — zeigen seit 1980 in die falsche Richtung. Sie können die beobachtete Erwärmung nicht erklären, die Treibhausgase schon.
«Die Modelle liegen immer daneben.»
Der Charney-Report von 1979 und Exxons eigene Modelle von 1982 haben die Erwärmung bis heute getroffen. Wer die Modelle für unzuverlässig hält, muss erklären, warum sie über 45 Jahre funktioniert haben.
«Die Schweiz macht nur 0,1% aus.»
Sachlich korrekt und trotzdem kein Argument. Aber, es gibt keinen einzigen Emittenten, der mehr als etwa ein Viertel ausmacht — nach dieser Logik wäre niemand zuständig. Zudem verschweigen die Schweizer Inlandemissionen von 4,5 Tonnen pro Kopf den Konsum-Fussabdruck von rund 12 Tonnen pro Kopf. Importierte Emissionen gehören wirtschaftlich zu uns, auch wenn sie statistisch anderswo anfallen, wir leben vom Ausland.
«Klimaschutz ruiniert die Wirtschaft.»
Der Sommer 2026 kostete Europa in einer einzigen Saison eine Grössenordnung von 180 Milliarden Euro plus Zehntausende Todesfälle. Die Frage ist also nicht, ob gezahlt wird, sondern wofür und wann: ob wir jetzt in den Umbau investieren oder später ein Vielfaches für Schäden, die dann niemand mehr steuern kann. Nichts machen wird immense Kosten verursachen für nächste Generationen, wir werden für dies als enorme Egoisten dastehen.
«Ein einzelner heisser Sommer beweist nichts.»
Richtig, ein Sommer nicht. Deshalb rechnen Attributionsstudien. World Weather Attribution kommt für die Junihitze 2026 zum Ergebnis: Diese Temperaturen wären unter den Bedingungen von 1976 im Juni praktisch unmöglich gewesen; tagsüber lag die Hitzewelle rund 3,5 °C über dem, was sie damals gewesen wäre. Der Juni ist der sich am schnellsten erwärmende Monat Europas.
«Erst soll China liefern.»
China ist heute der grösste Einzelemittent und trägt damit eine erhebliche Verantwortung. Historisch liegt die Hauptlast allerdings bei den USA und Europa, die den Grossteil des bereits in der Atmosphäre befindlichen CO₂ verursacht haben.
Vor allem aber ist das Argument empirisch überholt: China baute 2025 knapp 500 GW erneuerbare Kapazität zu — über 60% des weltweiten Zuwachses — und seine Emissionen sanken erstmals um rund 0,5%. Das ist noch keine Trendwende und geschieht auf sehr hohem Niveau. Wer diesen Einwand heute vorbringt, argumentiert jedoch mit dem Stand von 2015.
Wo Kritik berechtigt ist
Über das Ziel gibt es wenig zu streiten, über den Weg sehr wohl. Die Rolle der Kernkraft, die Wahl zwischen CO₂-Abgabe und Emissionshandel, die Frage, wer die Übergangskosten trägt, und ob CO₂-Entnahme eine notwendige Ergänzung oder eine bequeme Ausrede ist — das sind offene Fragen, bei denen kompetente Leute unterschiedlicher Meinung sind.
Die Schweizer Abstimmungsgeschichte zeigt das Muster präzise: Nein zum CO₂-Gesetz 2021, Ja zum Klima- und Innovationsgesetz 2023 mit 59,1%, deutliches Nein zur Klimafonds-Initiative am 8. März 2026.
Das Ziel ist mehrheitsfähig. Der Preis ist es nicht. Wer das anerkennt, kommt im Gespräch weiter als jemand, der jede Kostenfrage für Sabotage hält.
6 – Was zu tun ist
Zwei Aufgaben gleichzeitig
Die Folgen des Klimawandels sind im Wallis bereits sichtbar. Anpassung ist deshalb notwendig — aber Anpassung allein genügt nicht. Je stärker die globale Erwärmung begrenzt wird, desto geringer werden die späteren Schäden und desto beherrschbarer bleiben die Veränderungen.
Erstens: die Ursache bremsen. Der entscheidende Hebel ist der Ausstieg aus fossilen Energieträgern. Für die Schweiz heisst das: Gebäude ohne Öl und Gas beheizen, Strom erneuerbar erzeugen und ausbauen, den Verkehr elektrifizieren und dort vermeiden, wo er unnötig ist, Industrieprozesse dekarbonisieren und Energie effizienter einsetzen. Das gesetzliche Ziel ist Netto-Null bis 2050.
Zweitens: sich an das Unvermeidbare anpassen. Das Wallis muss sich auf mehr Hitze, trockenere Sommer, veränderte Wasserverfügbarkeit, weniger Schnee, auftauenden Permafrost und intensivere Starkniederschläge vorbereiten. Dazu gehören Wassermanagement, Schutz vor Naturgefahren, hitzetaugliche Gebäude und Siedlungen, robuste Wälder sowie eine angepasste Landwirtschaft und Infrastruktur.
Diese beiden Aufgaben konkurrieren nicht miteinander. Anpassung ist keine Kapitulation, sondern akuter Gesundheits- und Infrastrukturschutz — der Sommer 2026 hat das vorgeführt.
Welche Massnahmen wirklich etwas bewirken
Nicht jede Massnahme wirkt gleich stark. Ordnet man nach Wirkung statt nach Sichtbarkeit, ergibt sich eine klare Rangfolge:
| Ebene | Wirkung | Beispiele |
|---|---|---|
| Systemisch | sehr hoch | Strommarktregeln, Netzausbau, CO₂-Preis, Bauvorschriften |
| Investiv (einmalig, langlebig) | hoch und dauerhaft | Heizungsersatz, Gebäudedämmung, Fahrzeugwahl, Pensionskassen-Anlage |
| Verhaltensbezogen | mittel | Flugverzicht, Ernährung, Mobilitätsmuster |
| Symbolisch | gering | anstelle Plastikröhrchen Strohhalme zum Trinken verwenden, Standby-Optimierung |
Die grössten Hebel liegen beim System — also bei den Regeln, die für alle gelten. Diese Regeln setzt die Politik, und die Politik wählen wir. Danach kommen die Investitionen: einmalige Entscheidungen, die über Jahrzehnte wirken. Wer seine Heizung ersetzt, sein Haus dämmt oder sein Geld anders anlegt, verändert seinen Fussabdruck dauerhaft.
Verhaltensänderungen wirken ebenfalls, aber schwächer. Wenn aber die ersten ausgeschöpft sind, werden diese immens wichtig.
Die fünf Entscheidungen, die zählen
Fünf persönliche Entscheidungen bestimmen praktisch den gesamten individuellen Fussabdruck. Alles andere ist Rundungsfehler:
- Wie heizen Sie? Öl und Gas oder Wärmepumpe und Fernwärme.
- Wie fahren Sie? Verbrenner oder Elektro, öV und Velo.
- Wie oft fliegen Sie? Und wie weit.
- Was essen Sie? Täglich Fleisch oder überwiegend pflanzlich, regional und saisonal.
- Wo liegt Ihr Geld? Pensionskasse, Bank, Anlagen.
Wer diese fünf Bereiche angeht, bewegt mehr als mit allen anderen Massnahmen zusammen.
Was Sie konkret tun können
| Bereich | Wirksame Schritte |
|---|---|
| Heizen | Öl- und Gasheizungen ersetzen; Wärmepumpe, erneuerbare Wärme und eine gute Gebäudehülle nutzen. |
| Strom | Photovoltaik nutzen oder ausbauen, erneuerbaren Strom beziehen und Strom dann verbrauchen, wenn er verfügbar ist. |
| Mobilität | Zu Fuss, Velo und öV, wo es sinnvoll ist; bei einem notwendigen Auto möglichst elektrisch; Flugreisen reduzieren. |
| Gebäude im Sommer | Aussenbeschattung, Nachtauskühlung und gute Dämmung zuerst; Klimaanlagen gezielt statt als alleinige Lösung. |
| Konsum | Produkte länger nutzen, reparieren und unnötigen Material- und Energieverbrauch vermeiden. |
| Ernährung | Lebensmittelverschwendung vermeiden und den Anteil besonders emissionsintensiver Lebensmittel reduzieren. |
| Wasser | Wasser effizient verwenden, Regenwasser wo möglich zurückhalten und Gärten an trockenere Sommer anpassen. |
| Mitentscheiden | Klimaschutz nicht nur privat betrachten: Gemeinden, Unternehmen und Politik bestimmen Infrastruktur und Rahmenbedingungen. |
Ein praktischer Hinweis zum ersten Punkt: In der Schweiz sind für den Ersatz einer fossilen Heizung durch eine Wärmepumpe je nach Kanton und Gemeinde bis zu 30 000 Franken Fördergelder abrufbar. Der Flaschenhals ist erfahrungsgemäss nicht das Geld, sondern das Wissen darüber.
Was Gemeinden und Kantone leisten müssen
An erster Stelle steht der Ausbau von Netz und Speicher — der Engpass ist längst nicht mehr die Erzeugung, sondern der Transport und die Speicherung. Ebenso dringend ist die Hitzevorsorge in den Siedlungen: Hitzeaktionspläne, Beschattung, Entsiegelung, Trinkbrunnen und gezielter Schutz gefährdeter Gruppen. Und die Wasserbewirtschaftung muss neu gedacht werden, weil der Gletscherspeicher wegfällt und die Sommerversorgung anders gesichert werden muss.
Dazu kommen zwei Aufgaben, die weniger sichtbar, aber ebenso wirksam sind: den Verkehr elektrifizieren und bestehende Fehlanreize abbauen, sowie Klimarisiken in die Finanzregulierung aufnehmen — über Offenlegungspflichten, Stresstests und die Anlagepolitik der Pensionskassen.
Für Unternehmen
Für Unternehmen gilt zuerst der einfachste Grundsatz: Effizienz vor allem anderen, denn die günstigste Kilowattstunde bleibt die nicht verbrauchte. Danach folgt die Umstellung des Beschaffungsstroms auf erneuerbare Quellen — sie wirkt schnell und bindet wenig Kapital.
Umgekehrt verhält es sich bei der Prozesswärme: Ihre Dekarbonisierung ist langsam und kapitalintensiv und muss deshalb jetzt geplant werden, auch wenn sie erst in Jahren wirkt. Und schliesslich gehören die physischen Klimarisiken in der Lieferkette bewertet — der Sommer 2026 war dafür die Generalprobe.
Die Schweiz: der konkrete Stand
Gesetzlicher Rahmen. Im Juni 2023 nahm das Stimmvolk das Klima- und Innovationsgesetz mit 59,1% an. Zusammen mit dem revidierten CO₂-Gesetz ist es seit dem 1. Januar 2025 in Kraft.
Ziele. Netto-Null bis 2050, mit den Zwischenzielen minus 50% bis 2030 und minus 75% bis 2040 gegenüber 1990.
Ist-Stand. 2024 emittierte die Schweiz 40,1 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalente — minus 27,3% gegenüber 1990 (BAFU-Treibhausgasinventar). Bezieht man die Bilanz des Landnutzungssektors mit ein, beträgt die Netto-Reduktion minus 22,3%.
Wo es vorangeht und wo nicht. Den grössten Rückgang verzeichnen die Gebäude — dank Dämmung und Wärmepumpen — sowie die Industrie. Das Sorgenkind bleibt der Verkehr: 2024 stiess er 13,4 Millionen Tonnen aus, nur etwa 10% weniger als 1990. Mit 33,5% ist er heute der grösste Emittentensektor.
In 34 Jahren wurden 27% geschafft. In den nächsten sechs Jahren sollen weitere 23%-punkte folgen. Das ist die eigentliche Lücke — nicht das Ziel, sondern die Steigung.
7 – Verantwortung: Politik, Industrie, jeder Einzelne
Vom grenzenlosen Wachstum zur Nachhaltigkeit
Der Klimawandel ist nicht nur ein Energieproblem. Er ist auch das Ergebnis unseres Umgangs mit Ressourcen. Über Jahrzehnte beruhte wirtschaftlicher Erfolg darauf, immer mehr zu produzieren, zu verkaufen und zu konsumieren. Rohstoffe und Energie waren billig, während die Folgen ihrer Nutzung — Treibhausgase, Wasserverbrauch, Abfälle, Flächenverbrauch und Umweltbelastungen in den Produktionsländern — im Preis eines Produktes kaum sichtbar wurden.
Auf einem begrenzten Planeten kann der Verbrauch von Energie und Rohstoffen jedoch nicht grenzenlos wachsen. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob Entwicklung und Wohlstand aufhören müssen, sondern wie Wohlstand möglich bleibt, ohne dafür immer mehr Ressourcen zu verbrauchen.

Nachhaltigkeit heisst nicht Verzicht auf Fortschritt, sondern eine andere Richtung: erneuerbar statt fossil, langlebig statt kurzlebig, reparieren statt wegwerfen, Kreisläufe statt Abfall, Qualität statt gedankenlosem Massenkonsum.
Verantwortung auf drei Ebenen
Politik setzt die Regeln für Energie, Verkehr, Raumplanung, Gebäude, Umweltstandards und Kreislaufwirtschaft. Sie entscheidet auch darüber, ob Umweltkosten im Preis eines Produktes überhaupt sichtbar werden. Politik entsteht aber nicht unabhängig von uns: Wir wählen und stimmen darüber ab, welche Regeln gelten.
Industrie entscheidet, wie produziert wird. Produkte müssen langlebiger, reparierbar und wiederverwertbar werden. Material- und Wasserkreisläufe müssen geschlossen, fossile Energie ersetzt und unnötige Überproduktion vermindert werden.
Konsumentinnen und Konsumenten entscheiden mit ihrem Geld, welche Produkte und Geschäftsmodelle erfolgreich sind. Preis und Bequemlichkeit dürfen nicht die einzigen Kriterien sein: Herkunft, Lebensdauer, Reparierbarkeit und Herstellungsbedingungen gehören ebenso dazu.
Die Verbindung läuft durch uns
Diese drei Ebenen sind keine getrennten Zuständigkeiten, zwischen denen man die Verantwortung hin- und herschieben könnte. Sie hängen zusammen — und die entscheidende Verbindung läuft durch uns.
Politik ist kein Naturereignis. Sie ist das Ergebnis von Wahlen und Abstimmungen, also von Entscheidungen, die wir treffen oder unterlassen. Es kommt deshalb nicht nur darauf an, dass wir wählen, sondern wofür. Wer nicht wählt, überlässt anderen die Regeln. Wer wählt, ohne auf die Folgen für Energie, Verkehr, Gebäude und Umwelt zu schauen, tut im Ergebnis dasselbe. Die Regeln, unter denen Industrie und Konsum stattfinden, sind damit letztlich von uns legitimiert.
Der Markt ist kein Schicksal. Jeder Kauf ist eine Stimme für ein Geschäftsmodell. Wer billige Wegwerfprodukte kauft, finanziert genau jenes, das die Probleme verursacht. Wer dagegen auf Langlebigkeit, Reparierbarkeit und faire Herstellung achtet statt auf den tiefsten Preis, verschiebt die Nachfrage — und damit das Angebot. Industrie produziert, was sich verkauft. Kein Unternehmen stellt dauerhaft her, was niemand kauft.
Das gilt in beide Richtungen. Wer gedankenlos wählt, billig und kurzlebig einkauft und ohne Not fliegt, bekommt genau die Politik und genau die Produkte, die daraus folgen. Auch das ist eine Entscheidung — nur eine unbewusste. Eine neutrale Position gibt es nicht: Nichtstun ist kein Ausstieg aus dem System, sondern eine Stimme für den bestehenden Zustand.
Das heisst nicht, dass der Einzelne die Welt allein rettet. Diese Erwartung wäre unfair und falsch, und die grossen Weichen werden gemeinschaftlich gestellt. Aber es heisst: Unser Handeln ist nicht folgenlos. Wer sein Konsumverhalten ändert, verändert den Markt. Wer bewusst wählt, verändert die Politik. Wer beides tut, verändert die Richtung, in die sich eine Gesellschaft bewegt.
Die Zukunft ist kein Ereignis, das über uns kommt. Sie ist das Ergebnis von Millionen täglicher Entscheidungen — und jede davon liegt bei uns. Wir sind nicht Zuschauer. Wir sind diejenigen, die entscheiden.
Zum Schluss
Die Emissionen der kommenden Jahre entscheiden wir darüber, wie weit die Erwärmung noch geht. Deshalb braucht es beides: die Ursachen konsequent vermindern und uns gleichzeitig auf jene Veränderungen vorbereiten, die bereits unvermeidbar geworden sind.
Es gibt keinen Punkt, an dem alles verloren wäre. Jedes Zehntelgrad, das wir vermeiden, lohnt sich — jedes Zehntelgrad, das wir zulassen, schadet. Es gibt kein Ende der Anstrengung und kein Ende der Folgen.
Die Prognose von 1979 lag bei 1,5 bis 4,5 Grad pro CO₂-Verdopplung. Nach 45 Jahren Forschung liegen wir bei etwa 3. Die Wissenschaft hat sich nicht geirrt — sie hatte nur recht, bevor es bequem war.
Exxons Modelle waren nicht schlechter als die der Universitäten. Sie waren teilweise besser. Und dann hat das Unternehmen Anzeigen geschaltet, die das Gegenteil behaupteten.
Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt.
Mahatma Gandhi
Quellen
Schweiz und Wallis
- MeteoSchweiz — Sommerbilanz 2026, Juni 2026 (drittwärmster Juni der Schweiz), Hitzewelle von historischem Ausmass, erneut markante Hitzewelle im Juli 2026, Vegetationsentwicklung Juli 2026.
- NCCS / MeteoSchweiz / ETH Zürich — Klima CH2025, Schweizer Klimaszenarien, 2025.
- GLAMOS / ETH Zürich (Matthias Huss) — Gletschermessnetz, Gletscherschwundtag 2026.
- BAFU — Treibhausgasinventar 2024, Langfristige Klimastrategie 2050 und Netto-Null-Ziel.
International
- Deutscher Wetterdienst — Sommerbilanz 2026 und Attributionsstudie zur Junihitze, 20.7.2026.
- World Weather Attribution — Keeping et al., «Fossil fuel emissions have rapidly worsened European heatwaves», 26.6.2026.
- IEA — Global Energy Review 2026, Electricity 2026.
- Climate Action Tracker / Rhodium Group — Länderbewertungen und US-Emissionsprojektionen 2026.
- NOAA / Met Office / Copernicus — Keeling-Kurve, Mauna-Loa-Daten, Indicators of Global Climate Change 2026.
- Supran, Rahmstorf & Oreskes — Science 379, eabk0063 (2023), DOI 10.1126/science.abk0063.
Ressourcen und Textilien
- Europäisches Parlament — «Fast Fashion: EU-Gesetze für einen nachhaltigeren Textilkonsum», aktualisiert 10.9.2025.
- Water Footprint Network / Chapagain et al. — Water Footprint of Cotton Consumption.
Hinweis: Opfer- und Schadenszahlen des Sommers 2026 sind vorläufig. Die definitive saisonale Gesamtbilanz von MeteoSchweiz kann einzelne Sommerkennzahlen noch präzisieren.